Hintergründe zu einem neuen Begriff
Was ist "Wildnis"?

Der Begriff „Wildnisgebiet“ (Wilderness Area) stammt aus den USA, wo man bereits Mitte des 19. Jahrhunderts den Wert großer, weitgehend unberührter Gebiete erkannt und unter Schutz gestellt hat, damit der Mensch Wildnis erleben kann: Yosemite 1864 und Yellowstone 1974. Deshalb waren diese Areale für den Menschen auch weitgehend frei zugänglich.
Wenn wir den Begriff „Wildnis“ bei uns verwenden, hat er für die Menschen vielfach ganz unterschiedliche Bedeutung. Für manche ist „Wildnis“ schon der ungemähte Rasen mit wuchernden Sträuchern in Nachbars Garten, der wegen seiner scheinbaren „Vernachlässigung“ bereits Unbehagen auslöst. Für andere ist Wildnis die unberührte, teilweise romantisierte Weite ferner Kontinente. Was der eine als natürliche Wildnis bezeichnet und staunend betrachtet, ist für den anderen schlicht verwilderter Wald und hat fast Bedrohliches an sich. Die Wahrnehmung von Natur durch den Menschen ist sehr individuell geprägt. Was die einen auf der sachlichen Ebene als Katastrophe betrachten, ist für andere einfach ein natürlicher Prozess.

Im Gegensatz etwa zu Nordamerika oder Sibirien, wo große Wildnisgebiete erhalten geblieben sind, ist Mitteleuropa eine seit Jahrtausenden veränderte Kulturlandschaft, in der Wildnis fast durchgängig Sekundärwildnis bedeutet, die aus der Kultur heraus entsteht. In unserer vielgestaltigen Landschaft hat sich unsere Kulturgeschichte auf mannigfache Weise niedergeschlagen, und deshalb sollten auch die Wege im Naturschutz vielfältig sein.


Bach im Einsiedeltal

In der wissenschaftlichen Diskussion besteht keinerlei Einvernehmen über den Wildnisbegriff, dessen Vieldimensionalität R.Nash (1982) deutlich beschreibt. B.Jessel (1997) und E.Brouns (2003) lehnen eine ausschließliche Anwendung der IUCN-Definition eines Wildnisgebietes ab „Ein großräumiges Gebiet, das seinen ursprünglichen Charakter bewahrt hat, eine weitgehend ungestörte Lebensraumdynamik und biologische Vielfalt (Biodiversität) aufweist, in dem keine ständigen Siedlungen sowie sonstige Infrastrukturen mit gravierenden Einfluss existieren und dessen Schutz und Management dazu dienen, seinen ursprünglichen Charakter zu erhalten.“ Eine Anwendung nur dieser Definition von Wildnisgebieten berge die Gefahr, kleinere Wildnisinseln in siedlungsnahen Gebieten auszugrenzen. So hänge das Entstehen von Wildnis im klein gekammerten Europa nicht von der Großräumigkeit eines Gebietes ab. Gerade in der Nähe bevölkerungsreicher Regionen ist die Einrichtung auch kleinerer Wildnisgebiete äußerst sinnvoll, um sie als Kontrast zu zivilisatorischer Ordnung und Prägung erlebbar zu machen.

Dieser Auffassung neigen das europäische Parlament in einem im Februar 2009 verabschiedeten Bericht und in die Prager Konferenz der EU im Mai 2009 zu, wenn sie Wildnis in Europa in Anlehnung an IUCN-Kriterien auch definieren als: „Kleinere, fragmentierte Landschaften, deren ökologische Rahmenbedingungen (noch) geeignet sind oder soweit wiederhergestellt werden können, dass natürliche oder naturnahe Entwicklungsprozesse weiterhin oder zukünftig ablaufen können und in denen keine ständigen Siedlungen sowie sonstige Infrastrukturen mit gravierendem Einfluss existieren“ und eine Wiederherstellung von Wildnis fordern.


Nonnenstromberg

In der Tat stellen Wildnisgebiete sowohl in der Idee als auch im Erscheinungsbild einen Kontrapunkt zur Zivilisation dar: Indem wir menschliche Eingriffe auf solchen Flächen unterlassen, kann sich die Natur eigenständig in ihrer ganzen Dynamik entfalten, können Entwicklungen und Prozesse ablaufen, die sich unserem Planen, Handeln und unseren Prognosen entziehen. Wildnis sind danach Gebiete, die wir bewusst aus der Begehrlichkeit unseres Wollens heraushalten, wo wir unsere auf Nutzbarkeit gerichtete Einflussnahme beenden und möglichst ungestörte Ablaufe zulassen. Durch Verzicht auf Nutzung wird Wildnis in unserer auf Gewinn orientierten Gesellschaft schnell zu etwas Nutzlosem. Aber macht uns diese „Nutzlosigkeit“ eines Gebietes nicht auch einmal vom Manager der Natur zu einem Beobachter, der seine Begehrlichkeiten zurücknimmt und der Natur das Recht auf Selbstbestimmung zuspricht?

Die Haltung ist eine andere als wir sie üblicherweise gewohnt sind, und die Frage ist: Wollen wie dieses „ganz Andere“, zumal Wildnis auch Wandel bedeutet? Brauchen wir Wildnis überhaupt? (KB)

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  Naturpark Siebengebirge 18.03.11